Schlagwort: Ökonomisierung

  • Habitualisierung Ökonomischer Imperative

    Habitualisierung Ökonomischer Imperative

    Hagen Kühn über ärztliche Tätigkeit im kommerzialisierten Krankenhaus

    Hagen Kühn betrach­tet seit Jahr­zehn­ten das Gesund­heits­we­sen und beson­ders die Öko­no­mi­sie­rung aus kri­ti­scher polit-öko­no­mi­scher Per­spek­ti­ve. Hier beschäf­tigt er sich mit den Ver­än­de­run­gen der ärzt­li­chen Tätig­keit im Kran­ken­haus und den Pro­ble­men und Wider­sprü­chen für die Ärzt*innen. Es han­delt sich um eine Kurz­fas­sung des län­ge­ren Auf­sat­zes aus dem 2018 erschie­nen Buch von Sebas­ti­an Klin­ke und Mar­ti­na Kad­mon über »Ã„rztliche Tätig­keit im 21. Jahr­hun­dert«.

    Will man die der­zeit domi­nan­ten Ten­den­zen im Gesund­heits­we­sen, die häu­fig mit dem Begriff Öko­no­mi­sie­rung gefasst wer­den, hin­sicht­lich ihrer Aus­wir­kun­gen auf die ärzt­li­che Tätig­keit ana­ly­sie­ren, lau­tet die Fra­ge, wel­che Struk­tu­ren auf wel­che Wei­se Wahr­neh­mung, Den­ken, Urtei­len und Han­deln der Akteu­re im Kran­ken­haus prä­gen. Hier­zu gehört sowohl die Fra­ge nach grund­le­gen­den Inter­es­sen­kon­flik­ten des ärzt­li­chen Han­delns als auch die Fra­ge nach den Ratio­na­li­tä­ten eines öko­no­misch ratio­na­len Ver­hal­tens, wie sie durch Öko­no­mi­sie­rungs­pro­zes­se her­vor­ge­bracht, ver­stärkt und/oder begüns­tigt wer­den.

    Erwartungen an das ärztliche Handeln

    Die Erwar­tun­gen der Gesell­schaft und ihrer Indi­vi­du­en an die Medi­zin sind Erwar­tun­gen poten­zi­el­ler Pati­en­ten. Sie ent­sprin­gen nicht den Vor­stel­lun­gen von Ethik­pro­fes­so­ren, son­dern den Erfah­run­gen der Men­schen mit dem Lebens­sachverhalt des Krank­seins. Krank­sein ist in sei­ner Frei­heit gehemm­tes Leben. Die Situa­ti­on des Krank­seins ist in vie­len Fäl­len eine so immense Unfrei­heit, ein sol­ches Gefan­gen­sein, dass die gene­ra­li­sier­te Unter­stel­lung, in der Bezie­hung zwi­schen Pati­en­ten und Kran­ken­haus stün­den sich “wie auf Märk­ten“ freie und glei­che Ver­trags­part­ner gegen­über, die­ser Lebens­wirk­lich­keit nicht ent­spricht.

    Die­se Asym­me­trie kann nicht auf ein Infor­ma­ti­ons­de­fi­zit redu­ziert wer­den. Krank-sein ist ein zutiefst emotio­nales Ereig­nis. Sol­che Kon­stel­la­tio­nen aus Abhän­gig­kei­ten und Schutz­be­dürf­nis­sen wer­den all­ge­mei­ner mit dem Begriff der Sor­ge­si­tua­ti­on beschrie­ben. Daher wur­den in moder­nen und hoch arbeits­tei­li­gen Gesell­schaf­ten Sor­ge­be­zie­hun­gen ent­wi­ckelt, die es den Hilfs­be­dürf­ti­gen ermög­li­chen sol­len, Per­so­nen zu fin­den, die ihre exis­ten­zi­el­len Bedürf­nis­se treu­hän­de­risch zum Aus­gangs­punkt ihres Han­delns machen.

    Vertrauen als öffentliches Gut

    Für den Men­schen in der Situa­ti­on des Krank­seins ist Ver­trau­en nicht bloß eine Wahl­op­ti­on, son­dern in sei­ner Lage muss der Mensch ver­trau­en kön­nen. Die medi­zi­ni­sche Insti­tu­ti­on und die dar­in Han­deln­den kön­nen Ver­trau­en nicht ein­for­dern, son­dern müs­sen ver­trau­ens­wür­dig sein. Die Bezie­hun­gen, die sich zwi­schen ihnen und den Pati­en­ten ein­stel­len, sind von gra­vie­ren­der Bedeu­tung für die Ange­mes­sen­heit der dia­gnos­ti­schen und the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men. Die objek­ti­ve und sub­jek­ti­ve Chan­ce der Bür­ger, im Bedarfs­fall mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit loya­le Ärzte zu fin­den, hat die Qua­li­tät eines öffent­li­ches Gutes.

    Öffent­li­che Güter nüt­zen zwar allen, aber sie kön­nen von weni­gen zer­stört wer­den. Wer­den medi­zi­ni­sche Dienst­leis­tungs­pro­zes­se der kom­mer­zi­el­len Logik unter­wor­fen und die Sor­ge­be­zie­hung ten­den­zi­ell zur Geschäfts­be­zie­hung, dann steigt mit dem Risi­ko ärzt­li­cher Inter­es­sen­kon­flik­te auch die Wahr­schein­lich­keit spür­ba­rer Ver­let­zun­gen der Loya­li­täts­er­war­tun­gen. Das führt zum Ver­trau­ens­ver­lust in der Bevöl­ke­rung, das Lebens­ge­fühl der Gesun­den wird unsi­che­rer und die Inan­spruch­nah­me in höhe­rem Maße mit Angst, Stress und Miss­trau­en ver­bun­den, was in vie­len Fäl­len nicht ohne Aus­wir­kun­gen auf den medi­zi­ni­schen Erfolg im enge­ren Sin­ne bleibt.

    Ökonomisierung der Krankenhausmedizin

    Die medi­zi­ni­schen und pfle­ge­ri­schen Ent­schei­dun­gen, The­ra­pien, Emp­feh­lun­gen usw. wer­den ten­den­zi­ell über­formt durch ein betriebs­wirt­schaft­lich-ratio­na­les Gewinn- bzw. Vor­teils­kal­kül. Je mehr das Kran­ken­haus ana­log zu Märk­ten (mit finan­zi­el­len Gewinn- und Ver­lust­an­rei­zen) gesteu­ert wird, des­to mehr neh­men sei­ne Dienst­leis­tun­gen Waren­cha­rak­ter an. Kapi­tal­wirt­schaft­lich gilt nur das als Kos­ten oder Auf­wand, was die mone­tä­re betrieb­li­che Bilanz berührt. Nicht­mo­ne­tä­re Kos­ten wie ver­meid­ba­re Schmer­zen und/oder blei­ben­de Ein­schrän­kun­gen schmä­lern nicht den betriebs­wirt­schaft­li­chen Erfolg. Für die Debat­te um die medi­zi­ni­sche Ethik wäre es beson­ders wich­tig zu erken­nen, dass das Gewinn­kal­kül nicht im han­deln­den Indi­vi­du­um ver­bleibt, son­dern insti­tu­tio­na­li­siert wird und durch finan­zi­el­le Anrei­ze, Con­trol­ling, neue Hier­ar­chien, Sank­ti­ons­sys­te­me usw. zu orga­ni­sa­to­ri­schen Struk­tu­ren gerinnt.

    Interessenkonflikt

    Es ist leicht ein­zu­se­hen, dass die han­deln­den Ärzte in einen objek­ti­ven Wider­spruch gera­ten zwi­schen den Erwar­tun­gen einer Sor­ge­be­zie­hung auf der einen und dem neu­en betriebs- bzw. kapi­tal­wirt­schaft­li­chen Regime auf der ande­ren Sei­te. Es ent­steht ein Inter­es­sen­kon­flikt. Die meis­ten aka­de­mi­schen Ethi­ker fas­sen Inter­es­sen­kon­flik­te ledig­lich als sub­jek­ti­ves Ent­schei­dungs­di­lem­ma auf, dem sie dann mit ihren Theo­rien abhel­fen kön­nen. Tat­säch­lich befin­den sich die ärzt­li­chen und pfle­ge­ri­schen Akteu­re in einer objek­tiv wider­sprüch­li­chen Situa­ti­on.

    Um den insti­tu­tio­nel­len Druck zu ver­ste­hen, muss man sich fol­gen­des vor Augen füh­ren: Wenn ein Kran­ken­haus zu einer Kapi­tal­an­la­ge gewor­den ist, darf die Ren­di­te nicht dau­er­haft unter einer welt­wei­ten durch­schnitt­li­chen Ren­di­te­er­war­tung lie­gen. Sonst zie­hen Anle­ger ihr Kapi­tal ab und legen es in ande­ren Berei­chen an. Gemein­nüt­zi­ge und öffent­li­che Kran­ken­häu­ser pas­sen sich die­ser Logik an, um in der Kon­kur­renz zu bestehen. Die Kon­flik­te und Risi­ken, denen Ärzte, Pfle­ger und Pati­en­ten heu­te am Kran­ken­bett aus­ge­setzt sind, gehen zurück auf poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen, die Ver­sor­gung der Kran­ken zum Anla­ge­feld für Kapi­tal zu machen und die nicht­kom­mer­zi­el­len Kran­ken­häu­ser zu zwin­gen, mit ihnen zu kon­kur­rie­ren. Spä­tes­tens hier wird deut­lich, dass das Kran­ken­haus als Orga­ni­sa­ti­on nicht nur arbeits­tei­lig, son­dern die­se Arbeits­tei­lung zugleich eine Hier­ar­chie von Macht­be­zie­hun­gen ist.

    Organisationsstruktur und Verhalten

    Mit dem Kom­merz­kran­ken­haus ist kei­ne hei­le medi­zi­ni­sche Welt ver­lo­ren gegan­gen, son­dern ledig­lich die Welt, aus der es her­vor­ge­hen konn­te. In den Jahr­zehn­ten zuvor war die Medi­zin bereits von der Ten­denz zur tech­ni­schen Zweck­ra­tio­na­li­tät domi­niert. Gera­de die­se for­ma­li­sier­te, den Pati­en­ten über das Maß des Not­wen­di­gen hin­aus ver­ding­li­chen­de Sicht­wei­se, die Reduk­ti­on aller Phä­no­me­ne auf mess­ba­re Quan­ti­tät, ermög­licht es heu­te, Medi­zin und Kran­ken­ver­sor­gung so zu machen, dass sie mit der betrieb­li­chen Rech­nungs­füh­rung abge­bil­det und nach Ren­ta­bi­li­täts­kri­te­ri­en gesteu­ert wer­den kann.

    Das ökonomische Framing

    Indi­vi­du­el­les Han­deln kann nie­mals ratio­nal sein im Sin­ne eines bewuss­ten und voll­kom­men infor­mier­ten, alle Aspek­te berück­sich­ti­gen­den ratio­na­len Han­delns. Wer also den Bezugs­rah­men von Dis­kur­sen oder Ent­schei­dungs­pro­zes­sen bestim­men kann, hat gro­ßen Ein­fluss auf die Resul­ta­te, denn mit der Rah­mung wird fest­ge­legt, um was es in der Situa­ti­on über­haupt geht und wie das Ziel defi­niert ist (vgl. Esser 2001, S. 259€“334; Kah­ne­mann und Tvers­ky 1984, S. 341€“350). Auf die ärzt­li­che Tätig­keit ange­wen­det bedeu­tet das, dass das Ver­hal­ten in einem oben beschrie­be­nen Inter­es­sen­kon­flikt sehr stark davon abhängt, in wel­chem Frame ent­schie­den wird. Die Öko­no­mi­sie­rungs­pro­zes­se im Kran­ken­haus sind ein sol­cher Wech­sel des Bezugs­rah­mens. Der betriebs­wirt­schaft­li­che Frame wird durch die struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen des Finan­zie­rungs­sys­tems und den macht­ge­stütz­ten Druck des Manage­ments per­ma­nent gefor­dert und von den ärzt­lich und pfle­ge­risch Han­deln­den ten­den­zi­ell über­nom­men und ver­in­ner­licht.

    Moralische Desensibilisierung

    Das Ver­trau­en der Pati­en­ten beruht letzt­lich dar­auf, dass ärzt­li­che Ent­schei­dun­gen pri­mär in ihrem Inter­es­se und nicht im Inter­es­se einer Orga­ni­sa­ti­on oder eines Kapi­tal­in­ves­tors getrof­fen wer­den. Im öko­no­mi­sier­ten Kon­text neh­men Inter­es­sen­kon­flik­te zu und damit steigt die Wahr­schein­lich­keit, dass die Han­deln­den die­ser Loya­li­täts­er­war­tung nicht gerecht wer­den. Das führt bei den ärzt­lich und pfle­ge­risch Han­deln­den poten­zi­ell zu einer mora­li­schen Dis­so­nanz mit quä­len­dem psy­chi­schen Unbe­ha­gen, das lan­ge anhal­ten und tief an das Selbst­be­wusst­sein rüh­ren kann. Der psy­chi­sche Miss­klang (Dis­so­nanz) und die damit ein­her­ge­hen­de inne­re Span­nung kann so pei­ni­gend sein, dass Indi­vi­du­en alles dar­an­set­zen, um die Dis­so­nanz zwi­schen dem mora­li­schen Emp­fin­den und dem eige­nen Tun mög­lichst umge­hend zu redu­zie­ren. Die intel­lek­tu­ell ein­fachs­te, aber prak­tisch meist schwie­rigs­te Lösung liegt dar­in, den Zwän­gen und Ver­su­chun­gen der Insti­tu­ti­on und der Angst vor Iso­lie­rung gewahr zu wer­den und zu wider­ste­hen. Der dazu unter den gege­be­nen Struk­tu­ren erfor­der­li­che Hero­is­mus lässt sich jedoch nur für die Wenigs­ten dau­er­haft auf­recht­erhal­ten.

    Im ande­ren Fall müs­sen Affek­te wie Angst, Scham oder Schuld abge­wehrt wer­den, um das psy­chi­sche Gleich­ge­wicht und das eige­ne Selbst­bild zu erhal­ten. Die“ meist unbe­wuss­ten und auto­ma­ti­sier­ten“ Stra­te­gien der Psy­che sind bei­spiels­wei­se Ver­leug­nung, Ver­drän­gung, Ratio­na­li­sie­rung oder Ver­schie­bung. Infor­ma­tio­nen wer­den vom Bewusst­sein fern­ge­hal­ten, eige­nes Ver­hal­ten wird im Sin­ne der ethi­schen Nor­men ratio­na­li­siert, Ver­ant­wor­tung auf die Pati­en­ten pro­ji­ziert und vie­le ande­re Stra­te­gien mehr. Bei der Dis­so­nanz­re­duk­ti­on kommt den Akteu­ren ein Pro­zess mora­li­scher Ver­gleich­gül­ti­gung zu Hil­fe, der in den Struk­tu­ren moder­ner, hoch arbeits­tei­li­ger, tech­ni­sier­ter Insti­tu­tio­nen ver­an­kert ist.

    Die Öko­no­mi­sie­rung und Büro­kra­ti­sie­rung des Umgangs mit Kran­ken sind Pro­zes­se, in denen auf vie­ler­lei Wei­se sozia­le Distanz und damit mora­li­sche Ver­gleich­gül­ti­gung erzeugt wird. Das geschieht durch ent­per­sön­li­chen­de Spra­che des medi­zi­ni­schen oder betriebs­wirt­schaft­li­chen Fach­jar­gons (»Fall­schwe­re«), durch den häu­fi­gen Wech­sel der Behan­deln­den und Pfle­gen­den, durch Regel­bin­dung und For­ma­li­sie­rung, durch Ent­schei­dun­gen nach Akten­la­ge in Abwe­sen­heit des Pati­en­ten, vor allem aber durch die Ver­ding­li­chung der Kran­ken als »Fall«, gewich­tet mit einer Geld­sum­me, die auf dem Spiel steht. Die Sub­jek­ti­vi­tät und damit die Wür­de des ein­zel­nen Pati­en­ten in sei­ner Krank­heit wer­den zum Gegen­stand des betriebs­wirt­schaft­li­chen Con­trol­ling. Die Distanz der Kon­trol­leu­re zum Pati­en­ten ist noch grö­ßer. Sie ken­nen und ver­ste­hen ihn über­haupt nicht, ent­schei­den nach Mess­wer­ten, Dia­gno­sen in Berich­ten.

    Habitualisierung der ökonomischen Imperative

    Der glo­ba­le neo­li­be­ra­le Kapi­ta­lis­mus ten­diert dazu, sozia­le und kul­tu­rel­le Schutz­me­cha­nis­men zu schlei­fen, die die Gesell­schaf­ten bis­lang gegen die Rigi­di­tät des Mark­tes errich­tet hat­ten (Sozi­al­staat, staat­li­che Grund­ver­sor­gung wie Was­ser, Ener­gie, öffent­li­che Kul­tur­för­de­rung usw.). Die­ses ist der gesell­schaft­li­cher Frame, in dem seit den 1980er Jah­ren die Kran­ken­haus­po­li­tik, ins­be­son­de­re die Kran­ken­haus­fi­nan­zie­rungs­ge­set­ze, gestal­tet wur­den. Das ist auch zugleich die Quel­le der Wer­te und Ori­en­tie­run­gen, die im Kran­ken­haus ihre prak­ti­sche Anwen­dung fin­den. Jeder ein­zel­ne Arzt und jeder ein­zel­ne Pati­ent ist bereits durch sein In-der-Welt-Sein davon geprägt, bevor sie ein Kran­ken­haus betre­ten haben. So gese­hen wird die Öko­no­mi­sie­rungs­ten­denz nicht nur gegen die Indi­vi­du­en durch­ge­setzt, son­dern auch durch sie hin­durch.

    Der fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pierre Bour­dieu (1930€“2002) erar­bei­tet um die Begrif­fe »Habi­tus« und »prak­ti­scher Sinn« eine dif­fe­ren­zier­te und auch empi­risch fun­dier­te Theo­rie zum dia­lek­ti­schen Zusam­men­hang zwi­schen der Posi­ti­on in der Sozi­al­struk­tur auf der einen und der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung auf der ande­ren Sei­te. Der Habi­tus ist das indi­vi­du­el­le Sys­tem ver­in­ner­lich­ter Wahrnehmungs‑, Bewer­tungs- und Hand­lungs­mus­ter, die indi­vi­du­el­le Dis­po­si­ti­on zur mora­li­schen und ästhe­ti­schen Pra­xis­be­wer­tung. Er ist die gesell­schaft­lich pro­du­zier­te inne­re Natur des Sub­jekts, sozu­sa­gen die inne­re Instanz, die Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen selbst­ver­ständ­lich wer­den lässt. Das soll nicht deter­mi­nis­tisch ver­stan­den wer­den, vor allem nicht inhalt­lich, son­dern lässt Raum für krea­ti­ves Han­deln, aber die“ was die gesell­schaft­li­che Hier­ar­chie der Klas­sen, Schich­ten, Beru­fe, Geschlech­ter usw. angeht“ unte­ren und obe­ren Begren­zun­gen sind weit­ge­hend fest­ge­legt.

    Mit dem Kon­zept des Habi­tus als einer von der sozia­len Posi­ti­on abhän­gi­gen indi­vi­du­el­len Dis­po­si­ti­on ist es mög­lich, Han­deln zu ver­ste­hen, ohne dem Han­deln­den rea­li­täts­fremd eine bewuss­te und ratio­nal berech­nen­de Absicht zu unter­stel­len. Die pro­fes­sio­nel­le Sozia­li­sa­ti­on bei­spiels­wei­se von Ärzten ist die feld­spe­zi­fi­sche Modi­fi­ka­ti­on des Habi­tus, ver­gleich­bar aber tie­fer­ge­hend als es der Begriff der »beruf­li­chen Sozia­li­sa­ti­on« anzeigt.

    Es ist wich­tig zu ver­ste­hen, dass auch die Akteu­re des Kran­ken­hau­ses einen »prak­ti­schen Sinn« für die Logik ihres sozia­len Fel­des ent­wi­ckeln und habi­tua­li­sie­ren. Die­ser lässt all das, was zunächst als etwas Neu­es und Befrem­den­des galt“ also die Anfor­de­run­gen, ärzt­li­che Ent­schei­dun­gen der Logik einer unter­neh­me­ri­schen Gewinn- und Ver­lust­rech­nung zu unter­wer­fen und die Erwar­tun­gen der Pa­tienten damit zu hin­ter­ge­hen“ zur Selbst­ver­ständ­lich­keit wer­den, zum gege­be­nen Rah­men, inner­halb des­sen agiert wird.

    »Ich bin davon über­zeugt, dass der
    Mensch immer etwas aus dem
    machen kann, was man aus ihm
    gemacht hat. Heu­te wür­de ich den
    Begriff der Frei­heit fol­gen­der­ma­ßen
    defi­nie­ren: Frei­heit ist jene klei­ne
    Bewe­gung, die aus einem völ­lig
    gesell­schaft­lich beding­ten Wesen
    einen Men­schen macht, der nicht in
    allem das dar­stellt, was von sei­nem
    Beding­t­sein her­rührt.« (Sart­re 1977: 144 f.)

    Fazit“ Strukturethik

    Hal­ten wir also fest: Nicht nur ver­ba­le Bot­schaf­ten, son­dern auch objek­ti­ve insti­tu­tio­nel­le Bedin­gun­gen sind wert­hal­tig, indem sie Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­ten prä­gen, ver­ste­ti­gen oder modi­fi­zie­ren. Die ärzt­li­chen und pfle­ge­ri­schen Ent­schei­dun­gen wer­den ten­den­zi­ell immer weni­ger der Auto­no­mie der unmit­tel­bar Han­deln­den über­las­sen, son­dern sie gehen über in Struk­tu­ren von Regeln, Anrei­zen, Sank­tio­nen und Kon­trol­len und wir­ken von daher auf die Sub­jek­te zurück. Je mehr und län­ger das der Fall ist, des­to selbst­ver­ständ­li­cher wer­den die Impe­ra­ti­ve der Insti­tu­ti­on.

    Die mora­li­sche Qua­li­tät der Medi­zin ist somit zuneh­mend abhän­gig von den Struk­tu­ren, dem Ziel der Kran­ken­haus­or­ga­ni­sa­ti­on, den gesetz­li­chen Finan­zie­rungs­re­geln usw. Gefragt ist die poli­ti­sche Kor­rek­tur einer dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lung. Die Inter­es­sen­kon­flik­te des kom­mer­zia­li­sier­ten Kran­ken­hau­ses sind objek­ti­ve Bedin­gung ärzt­li­chen und pfle­ge­ri­schen Han­delns, die ein Risi­ko für die Pati­en­ten dar­stel­len. Die­ses Risi­ko wird sich umso mehr erhö­hen, je mehr die Impe­ra­ti­ve des Kom­merz-Kran­ken­hau­ses zum Bestand­teil des beruf­li­chen Habi­tus von Ärzten und Pfle­ge­per­so­nal zu Selbst­ver­ständ­lich­keit wer­den. Pri­mär­ziel des Kran­ken­hau­ses muss der regio­na­le Ver­sor­gungs­auf­trag und nicht ein Ren­ta­bi­li­täts­ziel von Inves­to­ren sein. Die neo­li­be­ra­le Ab- und Ent­wer­tung von Koope­ra­ti­on, Soli­da­ri­tät und kom­mu­na­lem Gemein­sinn muss zurück­ge­drängt wer­den. Das ist eine gesell­schaft­li­che Auf­ga­be.

    Die Indi­vi­du­en sind nicht blo­ße abhän­gi­ge Varia­blen, sie kön­nen indi­vi­du­ell und kol­lek­tiv krea­tiv und gegen­ten­den­zi­ell han­deln“ wenn­gleich unter den jeweils gege­be­nen Bedin­gun­gen.

    PD Dr. Hagen Kühn ist Öko­nom, Sozio­lo­ge und ehe­ma­li­ger Lei­ter der For­schungs­grup­pe Public Health am Wis­sen­schafts­zen­trum Ber­lin für Sozi­al­for­schung.

    (aus: Gesund­heit braucht Poli­tik. Zeit­schrift für eine sozia­le Medi­zin, Schwer­punkt: Ärzt­li­ches Selbst­ver­ständ­nis heu­te, 2/2019)

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